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07.06.2010

Michael Schröter, Geschäftsführer der NAK

INTERVIEW zur Nationalen Armutskonferenz
„Die Menschen brauchen eine echte Zukunftsperspektive“

Armut sichtbar machen – Armut gemeinsam bekämpfen: Darum geht es beim Aktionstag am 24. Juni, den die Nationale Armutskonferenz im Rahmen der Fokuswoche zum Europäischen Jahr zur Bekämpfung von Armut und sozialer Ausgrenzung veranstaltet. Was die Teilnehmer bei den Kiezführungen am Aktionstag erwartet und warum Armut noch immer ein Tabuthema ist, berichtet Michael Schröter, Geschäftsführer der Nationalen Armutskonferenz, im Interview mit diakonie.de.

Einen Ausschnitt aus dem Interview finden Sie am Ende dieser Seite im mp3-Format zum Reinhören (Länge: 1:21 Min.).

Ein Programmpunkt in der Fokuswoche der Nationalen Armutskonferenz sind die Kiezführungen. Worum geht es hier genau?

Schröter: Auch in Deutschland haben wir ein gravierendes Armutsproblem. Das bekommt man nicht automatisch mit, viele Menschen schauen lieber weg. Neben großem Wohlstand gibt es aber einen wachsenden Teil der Bevölkerung, der langfristig soziale Ausgrenzung erlebt. Diese Menschen unterstützen u. a. Wohlfahrtsverbände und weitere soziale Initiativen. Wie diese Arbeit konkret aussieht, lässt sich bei den  Kiezführungen am  Aktionstag erleben. Jeder kann teilnehmen. Für Interessierte  ist das also  eine interessante Möglichkeit, einfach einmal bei solchen Initiativen anzuklopfen und mitzubekommen, was sie tun.    

 

Warum ist Armut ein Tabuthema?

Schröter: Wer in einer reichen Gesellschaft arm ist, wird leicht übersehen. Die Betroffenen schämen sich, weil sie an den Rand gedrängt werden. Andererseits haben viele Menschen  Angst, selbst  die Arbeit zu verlieren oder in Armut zu geraten. Da fällt es psychologisch oft schwer, den Kontakt mit Betroffenen zuzulassen.  Auch ist der Mythos weit verbreitet, dass man sich nur genug kümmern müsse, dann werde es schon besser. Soziale Ausgrenzung heißt eben, abgehängt zu sein, keine Lobby zu haben und diskriminiert zu werden. Die Diakonie sieht sich als Anwältin der Armen. Uns geht es darum, den Ausgegrenzten eine Stimme zu geben.   

 

Was  für Formen von Armut erleben die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Diakonie  bei ihrer Arbeit?

Schröter: Armut ist vielschichtig.  Arm sind zum Beispiel Menschen, die ganz auf sich allein gestellt sind, wenig Geld haben und denen Kontakte fehlen. Armut  bedeutet, von Kommunikationsmöglichkeiten abgehängt zu sein und daher  nicht mitzubekommen, wo es Hilfen oder Jobs gibt. Armut erleben Kinder  und Jugendliche, wenn sich andere  über sie lustig  machen, weil sie schlechtere Kleidung haben, nicht ins Kino, in die Disco  oder zum Konzert gehen können, sprich  nicht mithalten und nicht mitreden können. Armut bedeutet auch einen Mangel an Bildungsmöglichkeiten. Vielen Schülerinnen und Schülern  fehlen Hilfestellungen, etwa eine Vertrauensperson oder ein Raum, wo sie in Ruhe ihre Hausaufgaben machen können und dabei unterstützt werden.    

 

In Deutschland sind 11,5 Millionen Menschen von Armut bedroht, das sind 14 Prozent der Bevölkerung. Was heißt das konkret?

Schröter: Es gibt Einkommensschwellen, unter denen man als von Armut bedroht gilt. Das sind für Alleinstehende in Deutschland zurzeit 925 Euro. Hinzu kommt, dass dieser Zustand sich verfestigt, weil es keine Chance gibt, sich aus eigener Kraft aus dieser Situation zu befreien. Nach dem Armutsverständnis der EU gelten Personen als arm, „... die über so geringe (materielle, kulturelle, soziale) Mittel verfügen, dass sie von der Lebensweise ausgeschlossen sind, die in dem Mitgliedstaat, in dem sie leben, als Minimum annehmbar ist“. Wer studiert, dadurch bessere Chancen auf dem Arbeitsmarkt hat und mit zahlreichen Vergünstigungen rechnen kann, steht mit 900 Euro ganz anders da, als eine 55-Jährige, die  in die Langzeiterwerbslosigkeit gerät oder eine Alleinerziehende, der Kinderbetreuung und Unterstützung fehlen.    

 

Wie hilft die Diakonie hier weiter?

Schröter: Die Diakonie bietet vielseitige Unterstützungsmöglichkeiten, wie Hilfen und Angebote für Wohnungslose, Beratungszentren für Erwerbslose und Rechtsberatung. Dazu kommen Hilfen bei Überschuldung oder bei psychischen Problemen. Unsere Qualifikations- und Beschäftigungsangebote für Erwerbslose und unsere Kinderbetreuungsmöglichkeiten helfen dabei, aus Armutslagen herauszukommen. Die Diakonie gibt auch Unterstützung, wenn Menschen so wenig Geld haben, dass es an Kleidung, Essen oder Haushaltsgeräten fehlt. Und wir machen in Gesprächen mit Politik und Medien auf soziale Probleme aufmerksam und schlagen Lösungen vor.    

 

Was erwarten Sie von der Politik in Sachen Armutsbekämpfung?

Schröter: Beim Thema  Sozialpolitik sollten die Verantwortlichen nicht nur über Arbeitsvermittlung sprechen, sondern auch bedenken, dass über eine Million Menschen das Arbeitslosengeld II als ergänzende Sozialleistung neben einem schlecht bezahlten Job erhalten. Wir brauchen einen gesetzlichen und ausreichend hohen Mindestlohn, damit die Menschen von Arbeit auch leben können. Über 2,2 Millionen  Kinder und Jugendliche unter 18 Jahren leben auf Hartz-IV-Niveau. Sie brauchen eine Zukunft, Bildungszugänge und  Aufstiegschancen. Wir brauchen umfassende Hilfen für Familien und Alleinerziehende und mehr Angebote zur Kinderbetreuung, damit ein Leben mit Kindern nicht zu Armut führt.  Armutsbekämpfung heißt, Menschen befähigen und Teilhabe ermöglichen, nicht, möglichst viele in schlecht bezahlte Jobs zu drängen oder ihnen ansonsten die Sozialleistungen zu kürzen. Die Menschen brauchen eine echte Zukunftsperspektive und nicht noch mehr Druck.

INTERVIEW ZUM REINHÖREN

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