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23.10.2002

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Innovationswerkstatt ConSozial

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Eine der größten Herausforderungen für die soziale Arbeit der Diakonie ist der Wettbewerb auf dem europäischen Sozialmarkt. In seiner Rede bei der Eröffnung der fünften "ConSozial", der Fachmesse für den Sozialbereich, benennt Diakonie-Präsident Jürgen Gohde zentrale Ziele der Freien Wohlfahrspflege.

Eröffnungsrede von Diakonie-Präsident Gohde
Alles Gute das heißt: neue Erfahrungen und Anregungen, neue Begegnungen und Anstöße, die Fähigkeit, Herausforderungen anzugehen und aus Fehlern und den Konflikten zu lernen, wie Rolf Dahrendorf im Anschluss an Karl Popper Fortschritt definiert.

Der soziale Markt ist nicht nur in Deutschland in Bewegung geraten, die Herausforderungen sind offenkundig. Nur wer sich ändert bleibt sich treu. Die große Herausforderung der sozialen Arbeit, die öffentlich verantwortet wird wie der freigemeinnützigen, aber auch der gewerblichen, liegt in den Folgen der Globalisierung, die auf der lokalen Ebene angekommen sind. Nicht allein die, die Sie, Frau Ministerin, bei der Eröffnung der letzten ConSozial mit einem Zitat des bayrischen Ministerpräsidenten benannten: Dass wir im Wettbewerb nur eine Chance hätten, wenn wir besser sind und nicht billiger. Die Wirklichkeit lehrt uns freilich, dass wir sowohl besser als auch billiger sein müssen. Das macht nicht nur den Mitarbeitenden zu schaffen.

Ich nenne als weitere Kernfrage die Absicht des General Agreement on Trade in Services (GATS), bis 2005 Wettbewerbsregeln für die Bereiche Bildung, Gesundheit, Pflege und öffentliches Beschaffungswesen zu schaffen. Da es beim GATS weitgehend um die Beseitigung von weltweiten Markthindernissen geht, stehen wir vor der Aufgabe, nationale Mindeststandards und Qualitätsnormen zu formulieren. Eine gewaltige Bewährungsprobe für unsere sozialen Sicherungssysteme liegt vor uns, zusätzlich zu den bekannten Herausforderungen wie Arbeitslosigkeit und Alterung der Gesellschaft.

Ich danke der bayrischen Staatsregierung für Ihre Unterstützung dieser Veranstaltung. Die Messe ist ein Gradmesser, ein Laboratorium für neue Entwicklungen. Wir brauchen solche Innovationswerkstätten. Der Deutsche Fürsorgetag hat diese wichtige Funktion als Diskussionsplattform seit vielen Jahrzehnten, - ich lade sie schon heute herzlich ein im nächsten Jahr nach Freiburg zu kommen -, die ConSocial hat nachweisbar ihren Platz inzwischen ebenfalls erkämpft und nimmt insbesondere die Impulse aus den modernen Entwicklungen der Informationstechnik wie von neuen Managementsystemen innovativ auf.

Ich danke Ihnen besonders für Ihr Bekenntnis zur Zukunftssicherung und Notwendigkeit der Freien Wohlfahrtspflege. Freilich: Nur wer seine Leistung beschreiben kann, wird sie auch bezahlt bekommen, nur wer sie ohne Ausgrenzung anbietet, wird auch die notwendige gesellschaftliche Anerkennung erlangen und nur wer Qualität bietet, wird sich im europäischen Wettbewerb behaupten können, wo an die Stelle eines ordnungspolitisch selbstverständlichen Status die Positionierung durch Qualität im Wettbewerb tritt. Es heißt Eulen nach Athen tragen festzustellen, dass die soziale Arbeit in den vergangenen Jahren zunehmend den Regeln des Marktes unterworfen ist. Deshalb ist es nötig, Regulierungen für den Markt zu finden und zu beschreiben, die einen freien Zugang für alle Menschen sichern. Personalität, Subsidiarität, Gerechtigkeit und Solidarität bleiben als Grundorientierungen gültig. Die beiden großen Kirchen haben Recht, wenn sie im Gemeinsamen Wort diese Kriterien um ein fünftes, das der Nachhaltigkeit ergänzen, das national wie international implementiert werden muss.

Es geht darum Ressourcen zu schonen, Ressourcen zu bilden, den Wettbewerb zu zähmen, Fachkräfte für die notwendigen Aufgaben in ausreichender Zahl zu gewinnen. Damit sind zentrale Ziele genannt, die für eine zukunftsweisende Schwerpunktbildung notwendig sind. Wer gut aufgeklärte Patienten, mündige Bewohner, selbstbewusste und zufriedene Pflegebedürftige will, muss Strategien entwickeln, die dem Ziel der Nachhaltigkeit entsprechen. Nur, ob das reichen wird?

Rolf Dahrendorf hat in seiner Studie zu den Folgen der Globalisierung auf die Notwendigkeit hingewiesen, Ausgrenzung zu vermeiden. Ausgrenzung ist die moderne Form von sozialer Armut. Ein wesentliches Problem liegt darin, dass Menschen, die ausgegrenzt werden, nicht mehr bereit sein werden, sich an Recht und Ordnung zu halten.

Die Akzeptanz demokratischer Strukturen hängt nicht zuletzt daran, ob es uns gelingt, Ausgrenzung zu vermeiden. Deswegen hängt die Modernisierung der sozialen Sicherungssysteme und die demokratische Entwicklung in hohem Maße miteinander zusammen. Weiter ist die Frage ernst zunehmen, die Günther Grass in seinem neuen Buch "In einem reichen Land" stellt, das Momentaufnahmen von sozialen Lebenslagen beschreibt, "dass die Truhe, in der das soziale Gewissen lagert " verschwunden sei.

Ich bin in diesem Zusammenhang über den Begriff der "bezahlbaren Menschlichkeit" im Prospekt der Ausstellung gestolpert. Menschsein und Menschlichkeit sind unbezahlbar, Sehnsüchte und Zärtlichkeiten nur in den seltensten Fällen käuflich, und wenn, dann ist es ein Problem. Es ist notwendig zu fragen, wie sehe ich den Menschen? Es ist wichtig, ein Gespür dafür zu behalten, dass das Wesentliche für die Augen unsichtbar bleibt. Dazu gehört, was menschliche Zuwendung von Sozialtechnik unterscheidet, z. B. dieses unbezahlbare Gefühl für Solidarität in Verantwortung, für Zufriedenheit, für Achtung und für Würde. Zu den Tauschwerten gehört Menschlichkeit nicht. Menschlichkeit sprengt alle Käuflichkeitssysteme, auch die Unterscheidung zwischen einem bezahlbaren und nichtbezahlbaren Bereich. Wer sie einführt in die soziale Arbeit, nimmt letztlich Menschen ihre Freiheit und ihre Subjekthaftigkeit. Es geht um die Zumutung, die Lebensqualität zu gestalten. Es geht sowohl um den Bereich der sozialen Dienstleistungen, der über soziale Versicherungssysteme erstattet wird wie um den Bereich der Zivilgesellschaft. Mir fällt es schwer, von bezahlbarer Menschlichkeit zu reden, solange es in Deutschland Menschen gibt, die keine Dienstleistung ambulanter Pflege erhalten, weil sie zu teuer sind aufgrund eines zu umfänglichen Pflegebedarfs für die Wettbewerbsfähigkeit eines Pflegedienstes. Eine bessere Pflege braucht angemessene Vergütungen. Das Tabu der Beitragssatzstabilität muss gebrochen werden. Dies wird nur in einer breiten, konsensorientierten öffentlichen Diskussion möglich sein, in der es auch um zumutbare Eigenbeteiligungen geht. Ich will nicht falsch verstanden werden. Ich rede nicht einer Privatisierung des Pflegerisikos das Wort. Andererseits sind Rahmenbedingungen zivilgesellschaftlichen Engagements zu gestalten, die unsere Gesellschaft angesichts einer alternden Generation zukunftssicher machen. Ich sehe in der Ankündigung, die Abzugsfähigkeit von Spenden von Körperschaften abzuschaffen ein absolut kontraproduktives Signal. Die schüchternen Ansätze, das Stiftungsrecht zu modernisieren, wird so zunichte gemacht. Es ist dringend notwendig, diese Bedingungen zu erhalten und auszubauen. Die in Ansätzen sichtbar gewordene Bewegung der Solidarität müssen wir aufnehmen, stützen und weiterentwickeln, wenn es nicht zu einer Erosion der sozialen Kräfte in unserem Land kommen. soll. Thomas Klie hat Recht, wenn er in diesem Zusammenhang bei der Vorstellung der Pflegestudie der Stadt Kassel darauf hinweist, dass wir Pflegebedingungen wie heute in 50 Jahren nicht mehr haben werden. Das kann uns in keiner Weise beruhigen, im Gegenteil, wir müssen die Bedingungen verändern unter denen diese Arbeit erbracht wird, die Arbeit der Pflegekräfte zu würdigen und den Wert ihrer Arbeit öffentlich herauszustellen.

Es gilt den Wettbewerb um die jungen Leute zu gewinnen und ihnen Argumente zu geben gegen ihre eigenen Eltern, Angehörigen oder Freunde, die sie vom Erlernen dieses Berufes abhalten, es geht darum, die Folgekosten sozialer Fehlentwicklungen zu berechnen und in Anschlag zu bringen. Anders gesagt, es geht um die Entwicklung von lebensdienlichen Lebenszielen, die Sensibilität für soziales Miteinander, Aufmerksamkeit und Zivilcourage zum Ziel haben.

Was bedeutet es, wenn in der genannten Studie 85 Prozent der 40 bis 60-jährigen aktive Sterbehilfe für angemessen halten? Sind das die von Günther Grass angesprochenen "Schadstellen im wohlständigen Gehäuse" oder sind dies bereits Anzeichen einer tiefgreifenden Veränderung? "Menschsein und Menschlichkeit (sind) eine Sehnsucht dieses Jahrhunderts... Das letzte Jahrhundert war von Ego, Ich-AGs und Menschen, die Karriere machen wollten, bestimmt"(Herbert Grönemeyer). Eine ConSocial, die diese Herausforderungen annimmt, wird nach sachgerechten Lösungen, menschengerechten Konzepten suchen. Sie wird sich moderner Techniken bedienen, die Selbstbewusstsein bestärken und Menschen fähig machen, sich auf dem Markt zu behaupten. Es muss den Menschen dienen und nicht umgekehrt. Ich bin sicher, dass sich die Freie Wohlfahrtspflege den Herausforderungen eines Qualitätswettbewerbs stellt, Synergien erschließt und ihren Beitrag zur Gestaltung der sozialen und kulturellen Infrastruktur leistet. Sie ist dabei allerdings auch angewiesen, dass die Kommunen ihre Rolle spielen und sich nicht allein als Dienstleister definieren, sondern ihre Rolle auch in der Verantwortung für das Gemeinwohl sehen. Dafür müssen sie allerdings die notwendige finanzielle Ausstattung haben, um eine aktive soziale kulturelle Infrastruktur gestalten zu können. Zukunft lässt sich nur in Solidarität und Gerechtigkeit gestalten. Ich wünsche Ihnen angeregte Gespräche, wichtige Impulse und keinerlei Stillstand.

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