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12.08.2010

Demenz 128-95

Demenz: Im Walzerschritt gegen das Vergessen

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Wiesbaden (epd/Renate Haller) - Ein heller breitkrempiger Hut, viel Schmuck und weiße Bluse: Die Gäste haben sich schick gemacht. Zum Tanz-Café des Diakonischen Werks in Wiesbaden sind rund 30 Frauen und Männer gekommen. Organisiert wird es für Menschen mit Demenz und deren Angehörige; willkommen sind aber alle, die sich zumTakt alter Schlager bewegen wollen. Die Verbindung von fröhlicher Musik und Bewegung erzeuge Wohlbefinden für Gesunde und Kranken gleichermaßen, erklärt die Altersforscherin Ursula Frühauf vom Diakonischen Werk.

An der Rückseite des großen Saals, den der Tanzclub Blau-Orange zur Verfügung gestellt hat, ist eine große Tür geöffnet. An diesem Sommernachmittag dreht dort ein älteres Paar seine ruhigen Runden zu dem 50er-Jahre-Schlager „Tulpen aus Amsterdam“. Eine Drei-Mann-Combo spielt den Evergreen. An der hohen Decke hängen orangefarbene und blaue Luftballons.

Maria und Waldemar Heck sitzen noch beim Kaffee an einem der langen Tische. Das Paar ist zum zweiten Mal zum Tanz-Café gekommen. „Ich bin dankbar für jedes Angebot“, sagt Maria Heck. Ihr Mann ist seit drei Jahren dement. Sie kümmert sich rund um die Uhr um ihn und ist froh, wenn sie sich mit anderen Betroffenen austauschen kann. „Ich hätte nie gedacht, dass mein Mann und ich noch einmal miteinander tanzen würden“, sagt Maria Heck, in den Augen Tränen der Rührung. Ihr Mann vergisst zwar, welcher Tag heute ist und dass seine Schulzeit schon lange hinter ihm liegt, aber Tanzen kann der 88-Jährige noch immer.

„Die Füße laufen einfach los“, erklärt die Gerontologin Frühauf. Melodie und Rhythmus vergesse man auch durch eine Altersdemenz nicht. Vertraute Klänge weckten Erinnerungen und könnten Geborgenheit geben,wo ansonsten häufig Desorientierung herrsche.

 Tanz-Angebote für Demenzpatienten nehmen zu

Auch Lieselotte und Herbert Küttner sind zum zweiten Mal gekommen. Herbert Küttner verschnauft ein wenig, während seine Frau mit einer Betreuerin eine weitere fröhliche Runde dreht. „Früher haben wir viel getanzt“, erinnert sich der 81-Jährige, „jetzt freuen wir uns über diese Gelegenheit.“ Er betreut seine Frau seit zehn Jahren. Was früher war, weiß die 86-Jährige sehr gut, was kürzlich geschehen ist, bleibt in ihrem Gedächtnis nicht mehr haften.

Tanzen für Menschen mit Demenz wird seit einigen Jahren in verschiedenen Städten angeboten. Stefan Kleinstück vom Kölner Demenz-Servicezentrum Nordrhein-Westfalen bittet seit September 2007 gemeinsam mit einer Tanzschule monatlich zum Tanz - als öffentlicheVeranstaltung. „Wir wollen Demenz enttabuisieren, deshalb muss das in der Öffentlichkeit passieren“, betont er.

Alzheimer-Kranke verlieren ihr kognitives Gedächtnis, die sinnliche Wahrnehmung aber bleibt erhalten, sagt der Krankenpfleger, Sozialarbeiter und Betriebswirt Kleinstück. Sie spürten es, ob sie etwa im umgeräumten Speisesaal des Seniorenheims tanzen oder in einer neuen Umgebung. Etwa 30 bis 40 Besucher drehen sich in Köln regelmäßig zu den Klängen alter Schlager. Tanzlehrer Hans-Georg Stallnig hat für diese Nachmittage ein spezielles Programm entwickelt. Los geht es mit einem Walzer, gefolgt von Swing, Step und Rock n Roll.

„Kranke und Angehörige sollen gemeinsam schöne Erlebnisse haben“, sagt Ursula Frühauf. Für die Angehörigen heißt das: Sie empfinden ihre kranken Partner wenigstens für kurze Zeit nicht als Belastung.

Durch das Tanzen würden verschieden Bereiche im Gehirn angesprochen und aktiviert, sagt Hans Gutzmann, Leiter der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie am Krankenhaus Hedwigshöhe in Berlin. Es gelte inzwischen als erwiesen, dass „wir in Abläufen besser lernen“. Für Alzheimer-Patienten bedeute dies, dass die Kombination von Bewegung und geistiger und emotionaler Anregung die Krankheit zwar nicht heilen, durchaus aber verzögern könne. Zudem, fügt der Arzt hinzu,werde beim Tanzen das Gleichgewicht trainiert, was bei alten Menschen die Sturzgefahr verringere.

Maria Heck ist selig. Fröhlich steht sie mit ihrem Mann am Tisch und schunkelt gemeinsam mit ihm und anderen Gästen zum Ohrwurm „Auf der Reeperbahnnachts um halb eins“. „Heute Abend sind wir sicher kaputt“, sagt sie lachend, „aber das macht gar nichts.“

© Mit freundlicher Genehmigung von epd-Sozial

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