06.12.2010
Hausnotruf: Tut-tuut, hier ist die Notrufzentrale
Chemnitz (DWEKD/Katharina Weyandt) - Der Advent ist auch die Zeit der Verwandtenbesuche. Wer die alte Tante, den allein lebenden Onkel oder die Großeltern wieder einmal persönlich trifft, merkt vielleicht die Risiken des Alters. Und die sorgenvolle Frage stellt sich: Was ist, wenn etwas passiert? Ein Hausnotruf ist eine gute Absicherung. Die Chemnitzer Stadtmission hat diesen Dienst über ganz Sachsen ausgedehnt.
Der alte Herr ist noch rüstig. Regelmäßig spaziert er durch den Wald. Weil er aber allein lebt, hat er sich dazu entschlossen, einen Hausnotruf zu bestellen. Ein weißes Kästchen in der Nähe des Telefons, und ein daumenlanges Plastikteil mit einem dicken roten Knopf. Das trägt er um den Hals oder an einem Armband und kann im Fall der Fälle direkt Hilfe anfordern. Der Vertrag wird abgeschlossen und der Notruf eingerichtet. Und genau in der Nacht darauf trifft ihn ein Schlaganfall. „Gestern Nachmittag war ein Engel da und hat mir den Hausnotruf gebracht“, erzählt der Mann später in der Klinik.
Das Motto der Hausnotrufe: „Wir helfen Leben retten“
Während Frieder Patzak, der Leiter des Hausnotrufs der Stadtmission Chemnitz, diese Geschichte weitergibt, merkt man ihm an, wie sehr er sich mit dem Dienst unter dem Motto „Wir helfen Leben retten“ identifiziert. Er hat ihn mit aufgebaut, als 1997 die Stadtmission für ihre erste Betreute Wohnanlage, den Luisenpark, ein Notrufsystem brauchte.
Frieder Patzak sitzt vor den beiden 24-Zoll-Bildschirmen und klickt durch die selbst programmierte Datenbank. Schon 1.870 Notrufe haben die rund 1.270 angeschlossenen Teilnehmer in diesem Jahr ausgelöst. In 38 Fällen wurde daraufhin der Notarzt gerufen – wie bei der Ehefrau, die eigentlich den Pflegedienst bestellen wollte. Weil sie aber beschrieb: „Mein Mann kann den Arm nicht mehr bewegen, und er spricht so komisch“, erkannte der geschulte Notrufmitarbeiter zum Glück gleich die Symptome eines Schlaganfalls.
Ausgefeilte Technik mit menschlicher Ansprache
An diesem Nachmittag besetzt Patzak selbst die Zentrale: Oft ist er unterwegs, um die Geräte zu installieren. „Wir sind definitiv auch telefonisch erreichbar, 24 Stunden“, betont er. Während des Gesprächs hat schon ab und zu eins der fünf Telefone in der Pförtnerloge des Kreuzstifts geklingelt, in dem die Zentrale untergebracht ist. Jetzt wieder ein Tut-Tuut. Patzak drückt einen Knopf: „Hier ist die Notrufzentrale. Frau S., Sie haben einen Notruf ausgelöst, kann ich Ihnen helfen?“ Eine schwache Stimme ist zu hören, „...kann jemand kommen?“ Patzak: „In Ordnung, ich rufe die Schwester an.“ Es ist eine Bewohnerin aus einer von der Arbeiterwohlfahrt betreuten Wohnanlage, in der über 500 Notrufe eingerichtet sind, die vertretungsweise von der Stadtmission bearbeitet werden.
Patzak spricht mit der Mitarbeiterin im Haus, dass Frau S. bloß Hilfe auf der Toilette brauche. Dann wendet er sich wieder an die alte Dame: "Frau S., die Schwester weiß Bescheid, sie kommt gleich." Wenn Frau S. privat wohnte, könnten als erste Notrufnummern auch die der Nachbarn oder der Kinder einprogrammiert werden, so dass sich ihr Pflegedienst nur dann außer der Reihe zu ihr auf den Weg machen muss, wenn niemand anderes erreicht wird. Wenn ein Notruf eingeht, dann werden automatisch die Daten des Kunden eingeblendet.
Sicherheit gibt auch die Aktivitätskontrolle: Zweimal am Tag muss eine Taste gedrückt werden. Wenn nicht, piept der weiße Kasten. Hat der Notrufteilnehmer es nur vergessen, kann er ihn jetzt per Knopfdruck zum Schweigen bringen. Sonst holt die Zentrale automatisch Hilfe. Patzak erzählt von der Frau, die nach dem Bad nicht mehr aus der Wanne klettern konnte und den Notruffinger nicht dabei hatte. Immerhin, vier Stunden später, als sie sich nicht gemeldet hatte, wurde sie aus der Zwangslage erlöst. Eine andere war im Sessel für immer eingeschlafen, als ihr Essen auf den Herd kochte. So wurde sie schnell gefunden, bevor ein Brand entstand.
Ein selbständiges Leben in den eigenen vier Wänden
Auch bei Alzheimerkranken funktioniert das für den Benutzer einfache System. „Bei einer völlig dementen Frau haben wir das Gerät auf den Schrank gestellt, damit nichts passiert. Dann war sie gestürzt und hat wirklich den Notrufknopf gedrückt.“ Diverse andere Meldegeräte wie Rauchmelder oder Bewegungsmelder etwa zum Schutz gegen Einbrecher können mit angeschlossen werden. Im Kreuzstift rannte der dienst habende Mitarbeiter am Notruf kürzlich selbst zu der brennenden Wohnung und rettete eine Frau vor dem Tod durch Rauchvergiftung, als der Feueralarm ausgelöst wurde.
Dass in der Zeitung nur allgemein von den schnellen Rettungskräften, die Schlimmeres verhütet hätten, die Rede war, ärgert Patzak zwar ein bisschen, aber er hat gut zu tun. Seit er sich dafür entschied, das System auch Wohnanlagen und Pflegediensten in ganz Sachsen anzubieten, sind die Anschlusszahlen stark gestiegen. Stolz zeigt er ein Diagramm mit einer diagonal an oben führenden Linie auf dem Bildschirm – die steigende Zahl der Anschlüsse. 23,60 Euro kostet die Sicherheit zu Hause monatlich, dazu einmal 50 Euro für das Anschließen. Ab der Pflegestufe 1 kann eine Zuzahlung von 18,36 Euro monatlich bei der Krankenkasse beantragt werden.
Wie finde ich einen Hausnotruf?
Wer „Hausnotruf“ und die entsprechende Postleitzahl in die Suchmaschine eingibt, findet bundesweit unterschiedliche Anbieter. Man kann sich Angebote schicken lassen, um sie mit dem Angehörigen zu vergleichen, zum Beispiel in Bezug auf die Kündigungsfrist. Empfehlenswert ist der umgekehrte Weg: Erst den Pflegedienst, zum Beispiel eine Diakoniestation, auswählen, von der die Nothilfe geleistet werden soll. Die nennt dann entsprechende Hausnotruf-Anbieter.

