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13.12.2005

Blind-PG

Gottes Weihnachtsprogramm ist die Geburt Christi
Weihnachtsbrief des Präsidenten des Diakonischen Werkes der EKD

Text mit ReadSpeaker vorlesen

"Es ist ein köstlich Ding, dass das Herz fest werde, welches geschieht durch Gnade". (Hebräer 13,9)

Liebe Mitarbeitende,
sehr geehrte Damen und Herren,
liebe Schwestern und Brüder,

ich habe mich schwer getan, in diesem Jahr ein Thema für diesen Weihnachtsbrief zu finden. Es war ein langer Weg. Den Weg zum Weihnachtsfest gehen viele in diesem Jahr mit unruhigem Herzen.

Viel zu viele
Ich denke dabei nicht nur an die Kinder, die wie Jeremy James sagen: "Das Dumme an Weihnachten ... ist die Zeit dazwischen." "Wo zwischen?" fragte Mama – sie behängte gerade den Weihnachtsbaum mit Lametta. "Zwischen irgendwann und Weihnachten", sagte Jeremy James ... "Wenn nichts dazwischen wäre, hätten wir jetzt Weihnachten und ich brauchte nicht auf meine Geschenke warten." (David Henry Wilson, Warten auf Weihnachten, in: Barbara Homberg, Warten auf Weihnachten, Hamburg, 1978,7).

Diese Unruhe des gespannten Wartens sollte nicht nur den Kindern gehören, ich wünsche sie auch uns Erwachsenen, zeigt sie doch direkt auf den Kern des Weihnachtsfestes: Es geht um ein Geschenk, das wir uns nicht kaufen, erarbeiten oder verdienen könnten. Es geht um die Zuwendung Gottes zu unserem Leben. Die Bibel nennt sie Gnade. Den vielen, viel zu vielen mit den unruhigen Herzen könnte sie leben helfen und gut tun.

Es sind viele, viel zu viele, auch die Sehnsüchtigen
Im Züricher Landesmuseum war in diesem Herbst eine Ausstellung zu sehen gewesen: Große, schwarz-weiße Fotografien lassen die Betrachter einen Blick werfen auf die Züricher Drogenszene. Sie verlegen sie gleichsam zwischen den vergoldeten Hintergrund der Christgeburt. Maria und die Könige, die Hirten und Josef gehören genauso dazu wie Maria Magdalena und der Heilige Sebastian – aber auch Rosanna, Astrid, Peter und wir anderen. Menschen, die auf der Straße leben oder auf den Strich gehen, die täglich kämpfen ums Überleben. Besser könnte die Spannung nicht sein, die der Fotokünstler Michael von Graffenried hier erzeugt: zwischen Menschen, die sich verkaufen, und der unerwarteten Gnade auf dem goldenen Hintergrund: So nahe, so erreichbar, überhaupt nicht fern, gleichsam zum Greifen und in Reichweite wird der Kern des Weihnachtsfestes offenkundig. Können wir verstehen und ergreifen, worum es geht? – Nicht nur die Last des Jahrhunderts oder die Last unserer Zeit, sondern lernen die Weihnachtsbotschaft zu buchstabieren. Es wird nötig sein für unruhige Herzen.

Es sind viele, viel zu viele, auch die Ratlosen
In diesen Tagen habe ich von einem Polizisten gelesen, der seit 15 Jahren für Todesermittlungen zuständig ist. Immer wieder muss er seinen Dienst an den Grenzen des Lebens tun: "Mit den Gummihandschuhen, die er sich vor Ort über die Hände stülpt, habe er sich Gummihandschuhe über die Seele gestülpt", sagt der Beamte. "Doch 2004 haben die Handschuhe Risse bekommen." (Gesa Coordes, Viele Lebensmüde in Marburg, HNA vom 24.09.05). Die Zahl stieg spürbar an, auch das Elend der Angehörigen. Der  Beamte gründete für sie eine Selbsthilfegruppe, ging ins Gespräch mit Ärzten, Sozialarbeitern und dem Umfeld, um das Thema in der Öffentlichkeit zu enttabuisieren. Es sind kleine Schritte, die aber viel bewirken.

Es sind viele, viel zu viele, die ratlos sind, nach den Wahlen im September.
Eigentümlich: 57 Prozent der Bevölkerung halten Veränderungen für nötig, aber ebenso viele sind der Meinung, dass sich bei ihnen nichts ändern dürfe. Der Blick auf die Zahlen erklärt  offenkundig wenig. Menschen lassen sich nicht statistisch erfassen, wenn es um ihre Unruhe und um ihre Angst geht. Angst ist stärker als das Vertrauen in eine gestaltbare Zukunft. Es ist doch nur allzu wahrscheinlich, dass in beiden Gruppen dieselben Personen stecken können und dann stimmt es. Viele von uns kennen diese Unruhe und diese furchtsame Ratlosigkeit und sie gehen ein in die ganz normalen Erwartungen, Weihnachten zu feiern. Vielen – hoffentlich ganz viele – warten auf ein gutes Fest. Ein Stückchen vom Reich Gottes soll wirklich werden. Verständnis und Freude, Wärme und Geborgenheit, auch Ruhe für aufgeregte Herzen, vielleicht auch heilsame Unruhe. Weihnachten, das ist doch eine der wenigen Gelegenheiten, wo das Herz fest werden kann. Nur: wie dahin kommen?

Vor uns liegt ein langer Weg
Keiner von der Art, auf der man einen Proviant schon mitnehmen könnte. Auf dem Weihnachtsweg der unruhigen und ratlosen Herzen geschehen erstaunliche Dinge. Auf ihm begegnen uns Menschen, die Merkwürdiges tun.

Ich denke zum Beispiel an die Staatsanwältin, die im Sommer, als ganz Brandenburg tief erschüttert vor der Tatsache stand, dass eine Mutter ihre Kinder umgebracht hatte, das Nächstliegende tat. Sie ging ins Gefängnis und teilte die Zeit mit dieser Frau, hörte zu, fragte nach, redete mit ihr, wachte mit ihr. Außergewöhnlich ist dieses Verhalten. Aber so macht es Gott auch, der Menschen auf dem Weg des unruhigen Herzens begegnet.

Ich denke an Agotha Kristof, die ungarische Schriftstellerin, die in ihrer Biografie "Die Analphabetin" erzählt, wie es ihr ging, nach der Flucht 1956 in der Schweiz. Sie hat ihre Sprache verloren, sie kennt keine Worte, sie geht durch eine Wüste hindurch, die Frau, die bisher in einem lebendigen Land der Sprache und der Worte lebte. Sie muss neu lernen zu leben. Es sind ihre Arbeitskolleginnen, die ihr helfen zu sagen, wie das Wort für Himmel heißt, die auf Augen, Mund, Nase und Ohr zeigen und ihr ihren Mund wiedergeben, damit sie das Leben neu buchstabieren kann. Tag für Tag ein Schritt in ein neues Erkennen hinein und die Fähigkeit, den Neuanfang zu probieren. Mit allen, die sich dieser Aufgabe und den Neuanfängen stellen in der professionellen Beratung oder mit an Demenz erkrankten Menschen in Krankenhäusern oder Pflegeheimen den Neuanfang probieren, hat es Gott zu tun und mit den Möglichkeiten, die er uns Weihnachten einräumt.

Ich denke an die vielen, die in den vergessenen Katastrophen ihren Dienst tun. Es sind die Nachbarn, es sind die Pfarrer und Pfarrerinnen in den Gemeinden, es sind die Verantwortlichen vor Ort und diejenigen, die bei uns einen steten Kampf gegen das Verschweigen oder Nicht-Wahrnehmen in den Medien führen. Wer redet schon von Bulgarien und Rumänien, vom Südsudan, wenn die Bilder aus den Flutregionen in Amerika viel interessanter scheinen. Nichts gegen Amerika, im Gegenteil, aber die Wahrnehmung der außergewöhnlichen Herausforderung zu Liebe und Barmherzigkeit ist unteilbar. Das sagt uns Weihnachten und unterstreicht das ganz dick.

Freude und Qualität ins Leben bringen
Ich denke an den Namen einer Firma, über den ich in diesen Tagen gestolpert bin. BenQ – was heißt das? Natürlich habe ich gewusst, dass das ein Elektronikkonzern aus Taiwan ist. Aber gleich dieses Programm: Bringing Enjoyment and Quality to life, Freude und Qualität ins Leben bringen. So lässt sich diese Abkürzung mit Leben füllen Das ist ein Ausruf. Ein Satz, der in säkularer Form alles zum Klingen bringt, was Weihnachten sein könnte. Einfach schön. Ob aber die Arbeiter, die bei einem der Unternehmen dieses Konzerns beschäftigt sind, dieser Verheißung auch glauben können, wenn ihre Arbeitsplätze abgebaut werden, steht auf einem anderen Blatt. Auf die Zuwendung kommt es an. Handykaufen ist noch nicht Weihnachten.

Weihnachten ist anders. Dieses Ziel, Freude und Qualität ins Leben bringen, wird durch die Weihnachtsbotschaft einseitig qualifiziert. Gott lässt in der terra incognita menschlichen Verhaltens seine Zuwendung erkennbar werden. Gott wird Mensch und das bringt Freude und Qualität ins Leben. Die Botschaft von der Geburt Jesu Christi, das ist Gottes Weihnachtsprogramm für uns alle. Freude und Qualität ins Leben bringen, für uns, für alle, das ist es.

Was geschieht eigentlich mit uns, wenn Gott Mensch wird: „Gott wird nicht deshalb Mensch, um aufzuhören, Gott zu sein, sondern um Gott zu bleiben und den Menschen auf Gott hin geboren werden zu lassen. Sein Name ist Emmanuel: das bedeutet: "Gott mit uns". Und das heißt, es gibt keine Minderung Gottes in Richtung auf den Menschen, es gibt nur eine Mehrung des Menschen in Richtung auf Gott. Wunderbar hat das der Kirchenvater Hilarius im Traktat "Über die Dreieinigkeit" X,7 gesagt. Mehr Leben: das Weihnachtsgeschenk Gottes für uns:

Ohne Gnade wird das nichts
„Es ist ein köstlich Ding, dass das Herz fest werde, welches geschieht aus Gnade“  (Hebräer 13,9).

Das ist das Wort auf dem goldenen Hintergrund, das den Horizont verschmelzen lässt zwischen den Unruhigen und Sehnsüchtigen, den Drogenabhängigen und der Staatsanwältin, der Analphabetin und uns Ratlosen, aber auch denjenigen, die Tag für Tag anderen Rat geben sollen.

Gott wendet sich uns zu, dort wo wir nichts mehr wissen, wo wir gar nichts mehr verstehen und den Weg nicht kennen. Gottes Weihnachtszuwendung für uns alle. Sie stellt das Kind, die Person, das Werk und das Handeln Jesu in den Mittelpunkt. Gott hat sich uns so zugewendet, einfach so.

Wie ist das zu erkennen? Etwa nur im Konflikt, etwa nur im Gegensatz oder in den Zahlen der Arbeitsmarktstatistik, verborgen unter unendlich vielen übermalten Schichten, versteckt hinter diversen Lebenserfahrungen? Auch im Kind von Bethlehem war das nicht offensichtlich zu sehen. Die Goldbilder kamen später. Wenn das so einfach gewesen wäre, damals im Stall von Bethlehem, dann wäre doch bei allen, die dabei gewesen waren, auf einmal der Knoten geplatzt. Dann hätte es keinen Kindermord gegeben und all die anderen Missverständnisse auch nicht. Es geht doch um einen Vorgang wie im Züricher Landesmuseum. Im Gegenüber von erfahrener Wirklichkeit und erfüllter Verheißung geht es um das "wagende Hindurchgreifen durch die Verhüllung und Verborgenheit zu dem Herzen Gottes" (C. H. Ratschow, Leben im Glauben, Stuttgart, 1978, 57).

Weihnachten bietet uns Gott sein Herz und damit die Chance, dieses Geschenk anzufassen, auszupacken, es zu betrachten, darauf hinzuweisen, neu die Sprache  des Herzens zu lernen und dabei den Gott zu entdecken, der in dieser Form mit uns unterwegs ist: "Still und unerkannt", manchmal flüsternd, manchmal klar, aber immer so, dass wir ihn ergreifen könnten und immer vor der Frage, ob wir uns seine Zuwendung gefallen lassen und in Anspruch nehmen.

Wenn wir es doch könnten. Es gibt so viele Arten ein unruhiges Herz zu beruhigen, unendlich viele Heilande bieten sich an. Die Zahl der Optionen ist nahezu unendlich, ob sie aber dem Leben dienen und den Spannungen des Alltags standhalten, ist eine andere Sache. Die Weihnachtsgeschichte macht deutlich, dass es eine  Möglichkeit gibt, die allen Menschen Gottes Weihnachtszuwendung zugänglich macht. Gelingt uns das Durchgreifen zum Herzen Gottes, dass er uns Weihnachten anbietet, dann haben wir alles gewonnen, ein festes Herz und einen belastbaren Glauben, der immer wieder mit der Zuwendung Gottes rechnet, die sich nicht kaufen lässt.

Ich wünsche Ihnen von Herzen, dass Sie in diesen Tagen in den Weihnachtsweg einbiegen können, danke Ihnen für Ihren unermüdlichen Einsatz, wo auch immer, und hoffe mit Ihnen auf ein gesegnetes neues Jahr. Ohne Gottes Gnade wird das nichts.
Ihr Jürgen Gohde

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