09.01.2012
Ein hart erkämpfter Traumjob für Melanie
Evangelische Gemeinde schafft Alternativen zur Behindertenwerkstatt
Einen Job im Traumberuf zu finden, das ist für jeden Schulabgänger eine schwierige Sache. Für junge Menschen mit einer Behinderung und dem Abschluss an einer Förderschule aber liegen die Hürden noch höher.
Davon könnte Melanie Reifenberg viel erzählen, die trotz Down-Syndrom nicht in eine Werkstatt für Behinderte wollte, sondern hartnäckig an ihrem Traum festgehalten hat. „Ich wollte immer in die Kita und mit Kindern was machen. Das mach ich jetzt auch!“, sagt sie. Auch wenn sie im Moment nicht viel Lust auf Interviews hat.
Denn seit im September 2011 in der ARD die Dokumentation „Behindert. Was darf ich werden?“ über Melanie Reifenberg gelaufen ist, in der sie als bundesweiter „Präzedenzfall“ in Sachen freie Berufswahl beschrieben wird, ist sie eine gefragte Gesprächspartnerin. Ebenso wie ihre Mutter Ingrid Reifenberg und die Kindertagesstätte im Familienzentrum der Evangelischen Jona-Kirche Essen-Heidhausen, wo sie arbeitet. In dem Film erzählen sie von den bürokratischen Hürden bei den Franz Sales Werkstätten für Behinderte Menschen in Essen und beim Landschaftsverband Rheinland (LVR), die der 27-Jährigen den Weg auf den ersten Arbeitsmarkt fast verbaut hätten.
Dabei ist das Reden nicht so sehr Melanies Sache. Die junge Frau will viel lieber ungestört mit ihren Kindern in der Turnhalle spielen, hier in der Jona-Kindertagesstätte, wo sie zuerst Praktika gemacht hat und seit 2007 als pädagogische Hilfskraft beschäftigt ist. „Jetzt will ich wieder meine Ruhe haben“, sagt sie kurz angebunden und wendet sie sich ihren Kids im Bällchenbad zu: „Soll ich mit reinkommen?“ - „Ja!“ schallt es ihr entgegen.
Schuhe aus und mit großem Hallo landet Melanie im Pool, voller Power und mit derselben Begeisterung wie die Vierjährigen. Auch wenn ihre Autorität unverkennbar ist: „Zack, zack, aufräumen!“ ordnet sie wenig später an, und die Kleinen tun was sie sagt. „Behinderte Menschen haben eine größere Nähe zu den Kindern, sie bringen für uns alle viel Wärme und Zuneigung mit“, sagt Kita-Leiterin Sandra Mintrop.
Vor zehn Jahren wurde das Sozialgesetzbuch IX (SGB IX) verabschiedet, ein Durchbruch für die Gleichstellung und Inklusion behinderter Menschen. Darin wird auch das Recht auf freie Berufswahl festgeschrieben. Trotzdem arbeiten 95 Prozent der Behinderten nach wie vor in Werkstätten mit oft monotoner Tätigkeit. Nur in Einzelfällen wie bei Melanie etwa haben die hier zuständigen Franz Sales Werkstätten einem „Außenarbeitsplatz“ zugestimmt.
Ein Recht auf freie Berufswahl - dafür kämpfen Melanie und ihre Mutter schon seit sechs Jahren gemeinsam mit der Jona-Gemeinde. Dort gibt es in Zusammenarbeit mit einer Elterninitiative seit 2010 auch ein Haus mit betreutem Wohnen für zehn behinderte Menschen: die Jona-WoGe, in der Melanie lebt.
„Wir sind nicht die Speerspitze der Anti-Werkstattbewegung, bei uns geht es hier zunächst um den Einzelfall“, betont Pfarrer Klaus Baltes. Andere Menschen seien in der Werkstatt mit ihren klaren Abläufen gut aufgehoben. „Aber Melanie wollte raus. Das ist ein evangelisches Anliegen für uns: die Gestaltungsfreiheit einzelner zu stärken.“
Außer Melanie arbeiten noch zwei weitere junge Frauen mit Behinderung hier. „Wenn die drei nicht da wären, würde ganz viel fehlen“, findet Kita-Leiterin Sandra Mintrop, die Integration für selbstverständlich hält.
Internet: www.jona-kirche-essen.de
Text: epd/von Clausewitz
Foto: epd-Bild/Arend

