16.12.2011
Aus dem Leben einer Diakonisse: „Ich bin frei dafür, anderen zu helfen“
Vor 175 Jahren gründete der evangelische Pfarrer Theodor Fliedner die Diakonissenanstalt Kaiserswerth. Erstmals lebten dort junge, unverheiratete Frauen in einer Glaubens- und Dienstgemeinschaft zusammen und kümmerten sich um Menschen, die Hilfe benötigten. Seither prägen die Diakonissen das Bild der Diakonie in Deutschland.
Schwester Heidrun Sigmund ist Diakonisse und das mit ganzem Herzen. „Ich habe meine Wahl bis heute nie bereut“, sagt die 66-Jährige und lächelt zufrieden. Seit 32 Jahren lebt und arbeitet sie im Diakonissenmutterhaus Luise-Henrietten-Stift in Lehnin, das zum Unternehmensverbund Evangelisches Diakonissenhaus Berlin Teltow Lehnin gehört.
Ein Rüschenhäubchen ist nicht ganz unschuldig daran, dass sie diesen Lebensweg für sich wählte. Eigentlich wollte sie Physik oder Chemie studieren. Da sie jedoch nicht an der Jugendweihe teilgenommen hatte, besaß sie in der damaligen DDR keine Chance auf einen Studienplatz. Sie ließ sich stattdessen zur Kinderkrankenschwester ausbilden, in einem Diakonissen-Krankenhaus in Halle. „Im ersten Ausbildungsjahr, dem Haushaltsjahr, stand auch Putzen auf dem Ausbildungsplan“, erinnert sie sich. In einem Zimmer, das sie reinigen musste, hing das weiße Rüschenhäubchen einer Diakonisse an der Tür. Neugierig setzte sie es auf – und befand: „Das steht mir aber gut!“ Ihr Fazit: „Diakonisse zu sein, wäre vielleicht gar nicht so schlecht.“ Heute erinnert sich Schwester Heidrun daran schmunzelnd. Ein Impuls für ihre spätere Entwicklung sei das Erlebnis mit dem Häubchen aber sicher gewesen.
Als Krankenschwester nach Lehnin
Entscheidender indessen war ein Brief von Schwester Ruth Sommermeyer, Heidrun Sigmunds ehemaliger Ausbilderin und inzwischen Oberin im Diakonissenmutterhaus in Lehnin nahe Berlin. Sie war auf der Suche nach einer Krankenschwester für die Säuglingsstation. So kam Heidrun Sigmund 1968 nach Lehnin und arbeitete als Diakonische Schwester im Krankenhaus. Sie fand Gefallen an der Gemeinschaft des Glaubens und Arbeitens. Ganz zufrieden stellte es sie jedoch nicht. Diakonische Schwester zu sein, das fühlte sie, war für sie „irgendwie nichts Halbes und nichts Ganzes“.
Von Gott zur Diakonisse berufen
Doch erst eine Bibelstunde brachte den Ausschlag, Diakonisse zu werden. „Wir hörten die biblische Geschichte von Jona“, erzählt Schwester Heidrun. „Jona erhält einen Auftrag von Gott, dem er sich zunächst nicht gewachsen fühlt. Er flüchtet vor dieser Aufgabe. Doch er wird von Gott an den Auftrag erinnert und zurückgeholt.“ Heidrun Sigmund fühlte sich angesprochen. „Da erkannte ich, dass auch ich eine Aufgabe von Gott erhalten hatte.“ 1979, gut zehn Jahre nach ihrer Ankunft in Lehnin, wurde sie Diakonisse. Damit trat Heidrun Sigmund ein in eine Gemeinschaft aus Frauen, die, geprägt durch den christlichen Glauben, miteinander arbeiten und leben.
In der Regel wohnen Diakonissen bis zu ihrem Tod gemeinsam in einem Diakonissenmutterhaus. Sie arbeiten in sozialen und pflegerischen Berufen, wie in Kindergärten, Schulen, Pflege- und Bildungseinrichtungen oder – wie Schwester Heidrun – in Krankernhäusern. Diakonissen leben ehelos und keusch und praktizieren Gütergemeinschaft: Was sie verdienen, geben sie in eine Kasse, aus der das gemeinsame Leben finanziert wird. Jede Diakonisse erhält ein kleines Taschengeld. „Das ist sehr, sehr gut“, betont Schwester Heidrun, „in unserer Gemeinschaft gibt es keinen Neid.“ Auch in der Ehelosigkeit und Enthaltsamkeit hat sie ihr Glück gefunden. „Eine Familie mit vielen Kindern, das war früher mein Traum“, sagt sie. Doch: „Als Diakonisse bin ich nicht an eine eigene Familie gebunden und dadurch frei für den Dienst dort, wo ich gerade gebraucht werde. So kann ich mich den Menschen widmen, die Hilfe benötigen“, erklärt sie. Das sei für sie das Schönste daran, eine Diakonisse zu sein.
Erkennungszeichen Diakonissenhaube
Ihre Diakonissentracht, bestehend aus Kleid und Haube, würde Schwester Heidrun heute „nie mehr abgeben“, sagt sie und lacht. Sie trägt die Tracht sogar auf der Zugfahrt in den Urlaub, als Erkennungszeichen. Bei vielen Menschen erwecke die Tracht großes Vertrauen: „Häufig kommen Menschen auf uns Diakonissen zu, um ihren Kummer zu erzählen oder mit uns zu beten.“
Als Theodor Fliedner 1836 in Kaiserswerth das erste Diakonissenhaus gründete, besaß die Tracht für die Diakonissen indessen eine Schutzfunktion. Zur damaligen Zeit war es jungen, unverheirateten Frauen nicht erlaubt, ohne männliche Begleitung in die Öffentlichkeit zu gehen. Als „Gemeindeschwestern“, die für kranke und ältere Menschen sorgten, mussten Diakonissen jedoch in fremde Häuser gehen und sich frei bewegen können. Indem sie sich mit einer Haube, dem Zeichen der verheirateten Bürgersfrauen, kleideten, wurden sie diesen im Status gleich gestellt. „Unter die Haube“ gebracht, standen die Diakonissen daher unter einem besonderen Schutz.
Die Schwesternschaft wird kleiner und älter
Das Diakonissenmutterhaus in Lehnin ist 1911 gegründet worden. Zwischenzeitlich gehörten der Gemeinschaft bis zu 120 Diakonissen an. Als Heidrun Sigmund in die Diakonissenschaft eintrat, wurde die Gemeinschaft noch sehr aktiv gelebt – durch regelmäßige gemeinsame Mahlzeiten, Bibelarbeit und Tage des Zusammenseins und der geistlichen Besinnung, so genannte Rüstzeiten. „Und große gemeinsame Feiern zu Weihnachten, zu Geburtstagen. Wir haben eigentlich alles gefeiert, was es gibt“, erinnert sie sich und lacht.
Heute sind in Lehnin nur noch zwei Diakonissen aktiv, die Jüngste ist 56 Jahre alt. Sieben sind bereits in den Ruhestand gegangen, sie sind im „Feierabend“. Der Nachwuchs bleibt aus. Das Zusammenleben hat sich dadurch verändert. Die Bibelstunden etwa sind weggefallen, ebenso die regelmäßigen gemeinsamen Abendessen. Doch vieles halten die engagierten Schwestern noch aufrecht: Dreimal täglich treffen sie sich zum gemeinsamen Gebet, mittags sind dabei auch Besucher willkommen. Einige kommen immer wieder, um mit den Diakonissen zu beten. Im Schwesternzimmer, einem gemütlich eingerichteten Raum, essen die Diakonissen immer noch jeden Sonntag gemeinsam zu Mittag. Und die Schwestern kümmern sich umeinander in der Gemeinschaft. Auch im Alter, wenn die Kräfte schwinden.
Schwester Heidrun genießt ihren „Feierabend“. So pflegt sie einen hübschen Garten, an dem sie viel Freude hat. Doch am liebsten ist sie immer noch für Menschen da, die Hilfe und Unterstützung benötigen. Weil das eben das Schönste daran ist, eine Diakonisse zu sein.
Text: Diakonie/Sarah Schneider
Fotos: Alexander Schulz und Diakonie/Sarah Schneider
Weitere Informationen:
www.diakonissenhaus.de

