Illustrationsbild

News Archiv

2010 2009 2008 2007 2006 2005 2004 2003 2002

30.06.2010

Thu Nga Wedekind aus Vietnam 128-96

Abgeschobene Vietnamesin macht Abitur in Deutschland
Abitur 10.000 Kilometer entfernt von der Familie

Peine (epd/Judith Fiebelkorn) - Am Peiner Ratsgymnasium wird gefeiert. Soeben wurden die Abiturzeugnisse überreicht. Ausgelassene Abiturienten liegen sich in den Armen, Eltern stoßen mit Sekt und Orangensaft an. Thu Nga Wedekind ist besonders glücklich.

 „Der hohe Preis hat sich gelohnt“, strahlt sie. Die Last von fünf Jahren harter Arbeit und Entbehrungen ist von ihren Schultern gefallen. Denn ihre Schullaufbahn verlief anders, als bei den meisten Teenagern: 2004 wurde ihre Familie nach Vietnam abgeschoben. Nur durch die Unterstützung von Schule und Kirche konnte Thu Nga nach Peine zurückkehren und ihren Abschluss machen. Dafür musste sie ihre Familie in Hanoi zurücklassen – 10.000 Kilometer entfernt. 

„Wir kamen uns vor wie Kriminelle“, erinnert sich Thu Nga an die Nacht im Dezember 2004. Die Familie Van hatte mit ihren drei Kindern im Gemeindehaus der evangelischen St. Jacobi-Gemeinde in Peine Unterschlupf gesucht, da ihnen die Abschiebung drohte. Gerade als Thu Nga eingeschlafen war, kam die Polizei, führte die Familie ab und brachte sie direkt zum Flughafen. „Ich war total traurig, weil ich wusste: Das alles sehe ich so schnell nicht wieder.“ Zu diesem Zeitpunkt hatte die Familie zwölf Jahre lang voll integriert in Deutschland gelebt. Thu Nga kannte Vietnam nur aus den Erzählungen ihrer Eltern.     

Am Morgen darauf erfuhren ihre Freunde und Lehrer von der Abschiebung. „Ich wusste sofort, dass Thu Nga in Vietnam keine Zukunft haben würde“, sagt Sandy Aé, die damalige Klassenlehrerin. Denn die 14-jährige sprach kaum Vietnamesisch, und die Familie lebte in Hanoi zu fünft in einem Zimmer. Gemeinsam mit der Schulelternratsvorsitzenden Christiane Rumpeltes gründete sie den „Runden Tisch Thu Nga“, der fortan alle Hebel in Bewegung setzte, um das Mädchen nach Deutschland zurückzuholen. Ihnen schlossen sich weitere Eltern und Pastor Frank Niemann von der St. Jacobi-Gemeinde an.     

„Ich habe ein halbes Jahr lang jede freie Minute damit verbracht, E-Mails und Briefe zu schreiben“, blickt Rumpeltes auf das Frühjahr 2005 zurück. Denn immer wieder seien neue bürokratische Hürden aufgebaut worden. Sie stand im Kontakt mit den Innenministerien des Landes und des Bundes, dem Landkreis Peine, der deutschen Botschaft und dem Goethe-Institut in Hanoi. Ein Adoptionsverfahren wurde eingeleitet, das Thu Nga im Juni 2005 die Rückkehr nach Deutschland ermöglichte.     

Die Eltern von Thu Ngas Klassenkameradin Maria hatten sich spontan bereiterklärt, sie zusätzlich zu ihren eigenen drei Kindern zu adoptieren. „Jetzt können wir besonders stolz sein, denn zwei Töchter haben gleichzeitig das Abi bestanden“, sagt Adoptivvater Alexander Wedekind. Und seine Frau Elisabeth ergänzt, dass durchaus ein wenig Eigennutz bei der Adoption im Spiel war. „Maria war in der Zeit nach der Abschiebung einfach nicht mehr sie selbst“, sagt sie. Ihr ganzer Tagesablauf habe sich darum gedreht, mit der Freundin in Kontakt zu bleiben. Bei den Wedekinds wurde Thu Nga herzlich aufgenommen. Die beiden Mädchen wurden von besten Freundinnen zu Schwestern.     

Trotzdem vermisste Thu Nga ihre leibliche Familie im fernen Vietnam. Auch wenn es in der vietnamesischen Kultur nicht selten ist, die eigenen Kinder in die Obhut anderer zu geben, damit sie eine Ausbildung machen können. Aber besonders die erste Zeit war hart. Denn erst nach drei Jahren konnte Thu Nga in den Sommerferien zu Besuch kommen. „Das war komisch, denn in der Zeit hatte sich viel verändert“, sagt Thu Nga.     

Die Abiturientin möchte jetzt Sprachen studieren und Lehrerin werden. In Vietnam zu leben, kann sie sich nicht vorstellen, in Deutschland fühlt sie sich zu Hause. Und von hier aus will sie ihre Familie finanziell unterstützen. „Ich will ihnen etwas zurückgeben und ihnen zeigen, dass sich die Trennung gelohnt hat“, sagt sie. Auch der Runde Tisch löst sich jetzt auf, denn mit dem Abschluss hat er seine Funktion erfüllt. Doch zunächst wird das bestandene Abitur noch gemeinsam gefeiert.

© Mit freundlicher Genehmigung des epd

zurück

Suche

Themen und Aufgaben

Social Bookmarks

Was ist das?

Diakonie Shop

Hier finden und bestellen Sie bequem unsere aktuellen Werbemittel
zum Shop