Altersarmut unter Frauen: Mit Freundschaft aus der Armut

- Altersarmut in Deutschland nimmt zu – betroffen sind vor allem Frauen. Zum Beispiel die 72-jährige Seniorin, die in einem Wohnprojekt der Inneren Mission München lebt.

Eingang zum GEmeinschaftszentrum Integriertes Wohnen der Inneren Mission München
Josef Billeriß und Doris Sinanis leiten das Gemeinschaftszentrum Integriertes Wohnen der Inneren Mission in München-Nymphenburg Lisa Böttinger

Wenn Gisela Kiefer* eine Stunde zum Einkaufen läuft, tut sie das nicht, weil sie einen Spaziergang machen will. Die 72-Jährige hat ein klares Ziel vor Augen. Entdeckt hat sie es im Werbeprospekt einer Münchner Supermarkt-Filiale: Hier kostet ein halber Liter Sahne heute 50 Cent weniger als sonst. Gisela Kiefer, die ihren echten Namen nicht veröffentlicht sehen will, muss sparen - danach richtet sich ihr gesamter Tagesablauf.

Was die alte Dame dagegen im Überfluss hat, ist Zeit. Immer auf der Suche nach Schnäppchen gelinge es ihr, sehr wenig Geld für Lebensmittel auszugeben, sagt Kiefer und fügt nach einer Pause hinzu: „Etwas Ordentliches zum Anziehen oder ein Weihnachtsgeschenk für die Enkel kann ich mir aber trotzdem nicht leisten. Das tut schon manchmal weh“.

Armut bedeutet Machtlosigkeit und Resignation

Vor vier Jahren erhielt sie einen Platz im Gemeinschaftszentrum Integriertes Wohnen der Inneren Mission in München-Nymphenburg - und kommt seitdem besser mit ihrer Situation klar. Die Wohnanlage ist als Mehrgenerationenhaus angelegt, in dem die Bewohner sich gegenseitig unterstützen, austauschen und gemeinsame Unternehmungen planen. Um Organisatorisches wie den Einkauf für den wöchentlichen Mittagstisch kümmern sich die Leiter des Wohnprojektes Josef Billeriß und Doris Sinanis. Auch mit privaten Sorgen könne man jederzeit zu den Betreuern kommen: "Die Leitung hat immer ein offenes Ohr", sagt Kiefer und lächelt. Vor ihr liegt ein neuer Stapel der Werbehefte, die sie gleich morgens aus dem Briefkasten holt.

Gisela Kiefer muss jeden Monat aufs Neue rechnen. In einem dicken roten Ordner führt sie penibel Buch über alle Einnahmen und Ausgaben. So kann sie mit der Grundsicherung und ihrer Witwenrente zwar knapp ihre täglichen Bedarfe decken. Altersarmut erlebt sie aber trotzdem auf vielfältige Weise. "Armut ist mehr als materielle Armut", sagt der Diakoniewissenschaftler Johannes Eurich, "Erfahrungen wie körperliche Schwäche, soziale Isolation, Verletzlichkeit, Machtlosigkeit, Hoffnungslosigkeit und Resignation treten hinzu."

Geringfügige Beschäftigung als Risiko für Altersarmut

Seit ihrem 10. Lebensjahr hat die Gisela Kiefer gearbeitet: "Wenn ich nicht in der Schule war, habe ich in einer Tierklinik bis spät abends Böden gewischt", sagt sie. So ging es auch nach dem Schulabschluss weiter: Mit Jobs, die man heute als geringfügige Beschäftigung bezeichnen würde, kam Kiefer als junge Frau über die Runden. Auch später, mit drei Kindern, hatte sie nie eine Festanstellung. Verdienen musste sie trotzdem, mal als Haushaltshilfe, mal als Bäckereiverkäuferin. "Geld hatte ich immer. Aber ich bekam es bar auf die Hand. An die Rente dachte ich nicht, nur an meine drei Kinder", sagt die Seniorin und schüttelt den graumelierten Kopf.

Was Kiefer erfahren hat, kennzeichnet die Lebensläufe vieler Seniorinnen. Das Armutsrisiko von Frauen im Alter ist deutlich höher als das von Männern. Berufliche Auszeiten, die für Kindererziehung und Pflege genutzt wurden und schlecht bezahlte Teilzeitjobs, die mangels ausreichender öffentlicher Betreuungsangebote angenommen wurden, machen sich bei den Rentenansprüchen deutlich bemerkbar.

Drei ältere Frauen gehen spazieren
Drei ältere Frauen gehen spazieren epd-Bild / Gustavo Alabiso

Die Gemeinschaft gibt ihr Mut, nach Hilfe zu fragen

Die Freundschaften mit anderen Bewohnern und Betreuern bedeuten ihr viel. Aufgrund eines Augen- und Unterleibsleidens braucht sie verschiedene Hilfsmittel - wie eine neue Brille für 1.500 Euro. "Die Wohnheimleitung hat mir das Geld über verschiedene Stiftungen organisiert", sagt Kiefer, und ein wenig Stolz dringt durch ihre Stimme. "Hier wird keiner im Stich gelassen - zur Not gibt es auch mal eine kleine Unterstützung von der Inneren Mission, wenn jemand spezielle Hilfen benötigt."

Wenn etwas günstig zu bekommen ist, weiß Kiefer, wo und wann - egal ob Zahnpasta, Mineralwasser oder Blumenerde. Die gönnt sie sich, um ihre große Leidenschaft zu pflegen: Den Garten vor ihrer kleinen Zwei-Zimmer-Wohnung im Integrierten Wohnprojekt. "Seit ich hier lebe, blühe auch ich wieder ein wenig auf", sagt Kiefer. Ob im Garten oder beim wöchentlichen Einkauf: Sie scheue sich nicht mehr, nach Hilfe zu fragen.

"Verdeckte" Altersarmut oft aus Scham

Mindestens die Hälfte derjenigen, die Anspruch auf Grundsicherungsleistungen hätten, nehmen diese gar nicht in Anspruch. Diese "verdeckte" Armut hat die Sozialwissenschaftlerin Irene Becker in verschiedenen Studien nachgewiesen. So leben viele Seniorinnen in prekären Lebenssituationen - aus fehlender Rechtskenntnis oder Scham und Angst davor, dass Angehörige in die Pflicht genommen werden.

Aber nicht nur finanzielle Hilfen sind nötig. Soziale Teilhabe, Vernetzung und Austausch helfen, die Isolation zu durchbrechen und das Leben im Alter trotz knapper Mittel gemeinsam mit anderen aktiv zu gestalten. Dass es gut tut, offen mit jemandem über die finanziellen Sorgen zu reden, hat Gisela Kiefer im Wohnprojekt gelernt. "Wenn wir hier zusammen Mittag essen oder uns auf den gemeinsamen Ausflug an den Tegernsee diesen Monat freuen - dann fühle ich mich richtig reich."

Text: Lisa Böttinger

*Name von der Redaktion geändert